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Selbstliebe trotz körperlicher Behinderung?

Dieser Blogeintrag ist Kooperation mit AktionMensch entstanden und beinhaltet Werbung. Mal Hand aufs Herz. Wer von euch hat schonmal zur besten Freundin oder dem kleinen Bruder gesagt, dass er/sie behindert sei, weil sie euch in dem Moment einfach genervt hat? Mir ist das Wort „behindert“ auf jeden Fall schon das ein oder andere Mal unbewusst aus meinem Mund gesprudelt. Dabei habe ich mir noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie es sich für einen Menschen mit einer körperlichen Behinderung anfühlen muss, wenn er in seinem Umfeld mit Aussagen wie „Bist du behindert oder was?!“ konfrontiert wird. Letzte Woche hatte ich das erste Mal dank der tollen Aktion (#GemeinsamBarrierenÜberwinden) von Aktion Mensch die Möglichkeit, mich mit einer wundervollen Frau zu unterhalten, die seit ihrem zweiten Lebensjahr eine Beinprothese am rechten Unterschenkel trägt.

Denise Schindler. Sie ist eine deutsche Radsportlerin, die seit 2010 Leistungssport betreibt. Und das ziemlich erfolgreich! Das können sich viele bestimmt überhaupt nicht vorstellen, wenn sie Denise mit dem Begriff „Behinderung“ in  Verbindung bringen, oder? Denise betrat letzte Woche das Kaffee, in dem wir uns verabredet hatten und der ganze Raum füllte sich sofort mit ganz viel positiver Energie. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, aber ich spürte, dass da eine selbstbewusste und willensstarke Frau den Raum betritt. Ich bin total dankbar für diese inspirierenden Stunden und möchte euch gern rückblickend daran teilhaben lassen. Wie steht Denise zum Thema Selbstliebe? Fühlt sie sich wohl? Fühlt sie sich anders? Und vor allem – wünscht sie sich ein anderes Leben?

Wie gehst du mit komischen Blicken im Alltag um?

Denise: Ich bin ein sehr positiver Mensch und lächle den Leuten einfach zu. Ich zeige meine Beinprothese in der Öffentlichkeit und kann verstehen, dass Menschen mir im ersten Augenblick komische Blicke zuwerfen. Es gibt immer eine kleine Minderheit, die nicht nur einen, sondern viele komische Blicke auf mich wirft. Das ist mir aber egal. Sowas lasse ich nicht mehr an mich heran.

Hast du Schmerzen mit deiner Beinprothese?

Denise: Ja. Schmerzen mit einer Prothese sind normal. Wenn die Prothese nicht hundertprozentig passt, entstehen Reibungen oder Entzündungen, die wirklich schmerzhaft sein können. Das kommt immer wieder vor und gehört zum Alltag. Man lernt aber mit der Zeit damit umzugehen. Der Schmerz ist definitiv ein Begleiter im Leben mit einer körperlichen Behinderung. Mich in alltäglichen Situationen einschränken, möchte ich mich aber deswegen nicht.

Würdest du gerne „normal“ aussehen?

Denise (muss erstmal lachen): Ich würde behaupten, dass ich ziemlich normal aussehe. Ich fühle mich total normal. Der Fuß sieht ein bisschen komisch aus, aber sonst ist alles tutti. Als Kind hatte ich den Wunsch normal sein zu wollen. Man möchte in ein bestimmtes Schema passen, welches einem vorgegeben wird. Ich bin durch meine körperliche Behinderung natürlich aus der Reihe getanzt und habe oft unerwünscht die Aufmerksamkeit auf mich gezogen. Aber ja, ich fühle mich heute total normal.

Bist du neidisch auf Menschen ohne körperliche Behinderung?

Denise: Mit Neid zu leben ist grundsätzlich sehr schwierig. Neid kann einen zerfressen. Man kann im Leben auf alles neidisch sein. Man kann der gesündeste Mensch der Welt sein und findet trotzdem noch etwas, auf das man neidisch ist. Es gibt im Leben immer einen Superlativ nach oben. Größere Brüste, eine schlankere Taille. Es ist einfach wichtig, dass man versucht mit dem glücklich zu sein, was man hat. Mit sich zufrieden zu sein. Das gelingt einem logischerweise nicht immer. Aber Neid ist für mich auf jeden Fall keine Option.

Wie steht es um dein Selbstbewusstsein in Bezug auf die Männerwelt?

Denise: Ich kann mich nicht beklagen (lacht). Als Kind im Teeniealter macht man natürlich mit einer körperlichen Behinderung auch schlechte Erfahrungen. Die meisten Jungs in dem Alter sind noch nicht reif genug, um mit dieser Situation umgehen zu können. Da hat auch schonmal jemand wegen meiner Beinprothese Schluss gemacht. Ich nenne das natürliche Auslese. Man sollte schließlich kein Interesse an Männern haben, die nur auf das Äußere achten und einen nicht mit Ecken und Kanten akzeptieren. Der Charakter ist viel wichtiger.

Was hat dich motiviert mit Sport anzufangen?

Denise: Ich hatte lange Zeit gar keinen Draht zum Sport. Dieser Bereich war immer sehr negativ behaftet, weil ich im Schulsport durch meine Behinderung oft die Letzte war und diese Situation als nicht sehr motivierend empfand. Ich habe mich irgendwann mit meiner besten Freundin im Fitnessstudio angemeldet, weil sie abnehmen wollte. Sie hat mich echt überreden müssen. Dort habe ich meine Leidenschaft für Indoor Cycling entdeckt. Das tolle Erlebnis, dass du auf dem Rad sitzt und dir niemand im Raum wegfahren kann, war so toll, dass ich heute Leistungssportlerin im Radsport bin.

Möchtest du den Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Denise: Never.Stop.Spinning. Hört nich auf verrückt zu sein und eure persönlichen Grenzen zu überwinden. Jeder hat ein Recht auf ein glückliches und abenteuerlustiges Leben.

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Vielleicht, ihr Lieben, kann ich euch  mit der Vorstellung dieser tollen Frau ein wenig ins Grübeln bringen. Haben wir nicht manchmal echte Luxusprobleme? Der nicht perfekt sitzende Bikini, kein gescheites Selfie oder Dehnungsstreifen am Po. Sollten wir unsere Gedanken nicht manchmal ein Stück weit ins echte Leben zurückholen? Ich glaube, dass wir uns richtig glücklich schätzen sollten, dass wir gesund sind. Sport machen dürfen und einen Geschmacks- und Geruchssinn besitzen. Diese Aussage soll nicht dazu führen, dass ich Mitleid für Menschen mit körperlicher Behinderung herbeiführen möchte. Das wollen sie nämlich gar nicht. Sie möchten einfach wie du und ich behandelt werden. Das habe ich aus diesem Treffen mitgenommen.

 

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3 Kommentare

  • Avatar
    Lea
    11. Oktober 2016 at 20:47

    Hallo Lou, dein Beitrag ist wunderschön und hat mich sehr gerührt. Mein Vater hat selbst eine körperliche Behinderung und eine Prothese Oberschenkel abwärts und er ist für mich der wichtigste Mensch, nicht nur weil er mein Vater ist, auch weil er ein unglaublich positiv und humorvoll Mensch ist.
    Und richtig behinderte sind Menschen wie du und ich.
    Ich finde es wundervoll das du diese Botschaft in deinem Blogeintrag veröffentlichst, damit auch Menschen die vielleicht keinen näheren Kontakt zu behinderten deine Begegnung nachempfinden können.
    Ich hab diese positive Energie jeden Tag um mich und bin dafür sehr dankbar. ????

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    Franzi
    14. Oktober 2016 at 8:53

    Toller Eintrag 🙂
    Man merkt mal wieder, wegen welchen Kleinigkeiten man sich doch so oft Gedanken macht.
    Wir sollten dankbar dafür sein, dass wir gesund sind, egal wie wir aussehen. Daran arbeite ich im Moment sehr 😉

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    Caro
    28. Februar 2017 at 23:06

    Liebe Lou,
    wenn viele an Fitness denken, so denken sie an durchtrainierte, gesunde und an sportliche Menschen.
    Aber das bedeutet Fitness für mich nicht.
    Fitness ist ein Begriff für mich, welches das Gleichgewicht zwischen gesund sein, wohlfühlen und Spaß haben darstellt. Fitness beginnt für mich nicht mit dem Körper, sondern im Kopf. Der Kopf muss begreifen, dass man keine Größe S benötigt und auf Kohlenhydrate verzichten muss. Laut H&M ist man scheinbar nur >fit<, wenn man eine Kleidergröße von XS bis L trägt – wieso sonst sollte H&M vorwiegend ihre Sporthosen nur in diesen Größen verkaufen?
    Fitness kennt keine Kleidergrößen. Man kann schließlich auch mit einer Kleidergröße von XXL fit sein.
    Oft hört man den Begriff „Fitness“ in Verbindung mit „körperlicher Perfektion“. Aber nein, Fitness bedeutet für mich eine Ausgewogenheit zwischen Fastfood wenn ich mal Bock drauf habe, Sport wenn ich Bock drauf habe und gesundes Essen wenn ich Bock drauf habe. Fitness ist nicht das, was die Gesellschaft uns vorgaukelt zu sein – Fitness ist was man selbst daraus macht: ein ausgeglichener Mensch in Sachen Sport und Ernährung zu sein.
    Es soll kein Zwang darstellen, vielmehr eine gesunde Lebensweise: und zwar für den Körper und die Seele (und dazu gehört nun auch einmal Schokolade).

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