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Der Rucksack ist gepackt, die Wanderschuhe sind geschnürt. Der Zug fährt um 03.21 Uhr morgens aus Braunschweig los. Next stop: München. Ich sitze voller Erwartungen im Zug und freue mich auf die kommenden Tage. Ich war noch nie wandern. Obwohl der Harz direkt vor meiner Haustür in die Höhe ragt, hatten mich die Berge bisher nie interessiert. Bis jetzt. Gemeinsam mit Angie (Instagram @angeliquelini) sollte sich mein Bezug zur Natur in den nächsten Tagen grundlegend ändern. Angie ist eine erfahrene Wanderin, die für uns beide den Trip geplant hatte. Sie sagte mir, was ich einpacken soll und ich fühlte mich wie die Ehefrau von Indiana Jones, die mit ihrem Abenteurer- Gatten eine Expedition antritt.

Wasserflasche, Wechselpullover, Isomatte, Schlafsack, Obst, Stirnlampe, Taschenmesser, Besteck, Taschentücher, Handschuhe und eine Kamera. Ganz so leicht war mein gepackter Rucksack nicht. Von München geht es nach Tirol. Unser erster Stop und somit meine erste Wanderung in meinem Leben. Unser Ziel: der Obernberger Tribulaun. Er ist mit 2.780 m der kleinste und am leichtesten zu besteigende des Dreigestirns. Er ragt am Ende des Obernbergertals in der Tiroler Ferienregion Wipptal empor und befindet sich inmitten eines Landschaftsschutzgebietes.

Das waren meine Wanderschuhe.

13.30 Uhr. Die Wanderstrecke ist für 6 Stunden (inklusive Pause) ausgelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt träumte ich von einer tollen Landschaft und einem gekennzeichnetem Gehweg, den wir bis hin zum Obernberger Tribulaun nicht verlassen würden. An diesem Punkt stellen sich mit Sicherheit alle bergerfahrenen Menschen die Frage, ob ich wirklich so naiv bin oder nur so tue. Rückblickend hätte ich mir die Frage gern selbst gestellt.

Es ging los. Unser erstes Ziel war der Obernberger See. Nach ca. einer Stunde, erstem Schweiß, guten Gesprächen und tollem Wetter, erreichen wir den Bergsee. Stille. Niemand außer uns und einer umbewirteten Hütte. Weit und breit kein Mensch, keine Geräusche. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben. Irgendetwas zwischen Freiheit, Demut und Glückseligkeit. Wir machen eine Pause, testen das glasklare und eiskalte Wasser. Holen uns Essen aus den Rucksäcken und lassen uns die Sonne auf unsere Schultern scheinen. Weiter gehts. Wir haben schließlich noch einiges an Strecke vor uns.

Obernberger See

Schotter, Steine und nochmal Steine. Der Anstieg wird steiler und steiler. „Entweder wir finden einen Weg, oder wir schaffen einen“, heißt es auf einer Wanderseite mit vielen Zitaten. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, keinen Weg mehr zu erkennen. Wenn ich nach oben schaute, sah ich riesige Bergfelsen und einen steilen Anstieg, der mir nicht wirklich nach meinem erträumten Wanderweg aussah. Die Zeit verflog. Die erste Felswand kam. Dank einer Seilsicherung in der Wand, kamen wir anspruchsvolle Passagen besser empor. Irgendwann hatten wir die offenen Berghänge erklommen. 2.400 Höhenmeter und bereits jetzt habe ich im ganzen Körper Schmerzen. Oben angekommenen bietet sich ein interessanter Anblick: ein Plateau mit Steinplatten und Felsen, durchzogen von grünen Grasflächen. Da die Dämmerung uns einholte, beschlossen wir hier oben zu biwakieren. Das alpine Biwakieren ist in Tirol während eines kurzen, durch den Anlass gebotenen Zeitraumes erlaubt.

Also suchten wir uns eine windgeschützte Stelle und rollten unsere Isomatten aus. Für mich eines der schönsten Erlebnisse während der Wanderung. Eingewickelt im Schlafsack, neben einer Person mit der du gute Gespräche führst und einer minimalistischen Ausstattung. Über dir ein Sternenhimmel, der dir fünf Sternschnuppen schenkt und um dich herum die Natur, die dich einlädt ein Teil von ihr zu sein. Nach ein paar Nudeln im Magen, die Angie uns bereits Zuhause gekocht hatte, schlief ich erstaunlich schnell ein. 5.30 Uhr. Die Nacht verlief ruhig. Uns hatten keine Tiere besucht und unsere Energietanks waren wieder aufgeladen. Jetzt heißt es auf den Sonnenaufgang warten, bevor wir weiterwandern.

Unser Vorrat an Essen auf unserer Wanderung.

Biwakieren in Tirol.

Das letzte Stück bis zum Gipfelkreuz ist für mich die erste größere Herausforderung. Ab diesem Zeitpunk hatte diese Wanderung für mich nichts mehr mit wandern zu tun. Der Weg am Boden war nicht unbedingt durchgehend sichtbar. Ausgesetzte Stellen waren mit Seilen oder Ketten gesichert. Ich benötigte oft meine Hände, um das Gleichgewicht halten zu können. Mein Puls war oftmals höher, als das zu erreichende Gipfelkreuz. Der Schweiß lief mir aus allen erdenklichen Poren herunter. Und dann endlich. 2.780 Höhenmeter. Das Gipfelkreuz auf dem Obernberger Tribulaun. Den gesamten Weg ist uns bis hier her nur eine einzige Person entgegengekommen. Ganz alleine neben einem Gipfelkreuz zu stehen, nein – neben meinem ersten Gipfelkreuz zu stehen, war etwas ganz besonderes.

Freiheit, Mystik, Vollkommenheit. Die Zeit bleibt auf 2.780 Höhenmeter stehen. Meine Gedanken auch. Im ersten Moment fühlte es sich unreal an. Im zweiten Moment fühlte ich mich allein. Obwohl Angie dort oben mit mir stand, fühlte ich mich so fern von dem Rest der Welt. Ich fühlte mich zwar sicher, aber spürte gleichzeitig die Unsicherheit. Ein paar Momente und Fotos später freute ich mich ehrlich gesagt, dass uns nun der Rückweg bevorstand. Meine Vorstellung: es geht nur noch bergab. Ganz easy, total sicher. Die Realität sah anders aus und das musste ich in kürzester Zeit erstmal verarbeiten. Ohne Angie hätte ich längst heulend auf dem Boden gesessen.

Zurück ging es über zum Teil exponierte Stellen mit Absturzgefahr, Geröllflächen und weglosen Schrofen. Mal ging es bergab, aber viel öfter immer wieder bergauf. Wandern? Nein, ab hier konzentrierte ich mich nur noch darauf nicht abzurutschen, langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen und nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Es gab eine Stelle, an der ich meinen Mut verlor und meinen Körper von einer ganz neuen Seite kennenlernte. Ich war gedanklich einfach nicht auf „sowas“ vorbereitet. Mag sein, dass es für erfahrene Wanderer ein Kinderspiel ist, wenn sie sich ungesichert an einem Bergfelsen vorbeischlängeln müssen und unter ihnen nur die Schlucht zu sehen ist. Für mich war diese Erfahrung im ersten Moment der Horror. Meine Beine zitterten permanent und Tränen liefen über mein Gesicht. An dieser Stelle möchte ich mich vom Herzen bei Angie bedanken, dass sie sich so geduldig um mich gekümmert hat.

„Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen. Wir bezwingen uns selbst“. Und wie. Kurz nachdem wir dachten, dass wir den schlimmsten Teil der Route hinter uns hatten, fiel uns auf, dass wir eine Abzweigung gewählt hatten, die anscheinend kein offizieller Weg war. Ein steiler Abhang, weglose Schrofen und Geröllflächen soweit das Auge reichte. Unser Trinken war leer, die Sonne brannte inzwischen im Gesicht und meine Gedanken kreisten in diesem Moment nur um Jan und alles, was ich sonst noch liebte. Für diese letzte Hürde benötigten wir fast zwei Stunden Zeit. Ich glaube ja an Schicksal. Und genau hier traf es ein.

Weiter unten vom Berg angekommen, sichtete Angie eine Bergquelle. Einige Minuten zuvor spielte ich tatsächlich mit dem Gedanken einfach nur noch die Bergwacht zu rufen und aufzugeben. Aber hier wollte die Natur sich noch nicht von uns verabschieden. Wir tranken, füllten unsere Flaschen auf und kühlten unser Gesicht. Mein Gott, war ich dankbar für diesen Moment. Wir waren wieder so weit unten, dass wir inzwischen andere Menschen aus der Ferne sehen konnten. Weitere zwei Stunden vergingen, bis wir wieder am Obernberger See ankamen. Meine Oberschenkel zuckten fast minütlich zusammen, die Füße taten mehr als weh und mein Rücken war nicht mehr dazu fähig, mich aufrecht zu halten.

Wenn ich mir meine Zeilen so durchlese, könnte ich meinen, dass ich körperlich einfach nicht gut belastbar bin. Aber nach diesem Trip bin ich mir sicher, dass mein Körper mehr als belastbar ist. Und das hat er meinem Kopf zu verdanken. Meinen Gedanken und der immer wiederkehrenden Selbstmotivation in Extremsituationen wie (für mich) dieser. Unten auf dem Parkplatz angekommen, hatte die Zivilisation uns wieder. In diesem Moment gab es nichts schöneres als eine große Mezzo Mix und Pommes mit Ketchup und Mayo. Im Nachhinein hatten wir uns gefragt, was wir falsch gemacht haben. Die Strecke hatten wir über eine Wander App rausgesucht. Hier hieß es, dass die Strecke als „mittel“ eingestuft wird. Im Internet fand ich danach noch folgende Hinweise für unsere Route: Gute Trittsicherheit. Gute Trekkingschuhe. Durchschnittliches Orientierungsvermögen. Elementare alpine Erfahrung. Zum Teil exponierte Stellen mit Absturzgefahr.

Trotz allem war diese Wanderung – 30 Kilometer, über 24 Stunden unterwegs – eines der besten Erlebnisse, welches ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Ich habe die Natur auf eine ganz neue Art und Weise kennengelernt. Habe mir Fragen gestellt. Habe gefühlt. Habe gerochen. Habe gespürt. Und hatte riesigen Respekt gegenüber der Natur. Danke Angie, dass du meine erste Wanderung zu etwas ganz Besonderem gemacht hast.

 

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Kommentare zu diesem Beitrag

  • JOHANNA

    geschrieben am 2. Oktober 2018

    Einfach fesselnd. Ich hatte mir auf insta damals deine Story dazu schon abgehört. Aber der Beitrag hier ist nochmal eine Nummer spannender geschrieben . Du bist so mega mutig!!! Ich hätte bestimmt auch geweint und wäre voll im Eimer gewesen. Würdest du nach diesem Erlebnis wieder wandern? Ganz liebe Grüße aus Jena

    Antworten
  • Karla

    geschrieben am 3. Oktober 2018

    Liebe Louisa,
    danke, dass du diese Erfahrung mit uns teilst. Und lass dir sagen: Du bist keineswegs körperlich nicht belastbar! Ihr seid da in eine unerwartet ernste Situation geraten und habt sie dennoch gemeistert, weil man ja am Berg schließlich keine Wahl hat – außer die Bergwacht zu rufen (was im Zweifelsfall übrigens auch in Ordnung gewesen wäre).
    Ich bin mit dem Bergsteigen groß geworden, war oft mit meinen Eltern in den Alpen und habe zum Teil wissentlich Touren gemacht, bei denen ich körperlich an meine Grenzen gehe. Allerdings: Touren MITgemacht! Es ist ein Unterschied, ob du jemandem hinterherläufst, der 30-40 Jahre Erfahrung hat, und dir sicher sein kannst, dass dich dieser Mensch irgendwie schon wieder da runter bringt, oder ob du völlig auf dich allein gestellt bist. Und selbst wenn man „nur“ mit ist, ist so ein Berg immer vor allem eine mentale Herausforderung. Es geht nicht um den Sport, obwohl Fitness natürlich eine Rolle spielt. Aber der wichtigste Muskel am Berg ist der Kopf. Und der ist bei dir ja eindeutig stark!
    Trotzdem würde ich an der Stelle gern betonen (eigentlich mehr für deine Leser als für dich, weil ich denke, dass du deine Erfahrung gesammelt hast): Auch Umkehren erfordert eine gewisse mentale Stärke, ist aber dennoch eine wichtige Option, wenn man erkennt, dass man einer Tour nicht gewachsen ist – natürlich sofern man dies rechtzeitig tut und noch die Möglichkeit hat. Bergsteigen ist kein Ego-Ding, niemand klopft euch auf die Schulter, wenn ihr euch bewusst in Gefahr begebt und da irgendwie durchkommt. In den Bergen gibt es immer „objektive“ (nicht beeinflussbare) Faktoren wie plötzliche Wetterwechsel, Steinschlag etc., und dessen sollte man sich immer bewusst sein. Erschöpfung mindert die Fähigkeit, mit solchen Faktoren klarzukommen. Der Abstieg ist oft schwerer als der Aufstieg und es sollten immer genug Reserven haben, um auch mit unvorhergesehenen Situationen noch umgehen zu können.
    Ich wünsche dir, Louisa, aber noch viele schöne Bergtouren – denn es ist die Schinderei ja auch jedes Mal wert! 🙂
    Liebe Grüße,
    Karla

    Antworten
  • Melissa

    geschrieben am 7. Oktober 2018

    Hallo!
    Respekt, so eine Tour für die erste Wanderung auszuwählen! Ich bin mir nicht sicher, ob ich danach noch so Lust auf weiteres Wandern gehabt hätte. Meine erste Wanderungen hab ich 2016 in Oberbayern gemacht. Erst recht einfache (aber für ungeübte mit null Kondition schon anstrengende) Touren und dann später auch mal längere bi szu 8 Stunden lange Märsche. Offenbar hattest du aber sehr gut Wanderschuhe! Normalerweise empfiehlt es sich ja nicht, nicht eingelaufene Wanderschuhe gleich so zu belasten. Meine Füße wären vermutlich voller Blasen gewesen 🙂
    Ich wünsch dir noch ganz viele tolle Gipfelerlebnisse! Ich hab ja festgestellt, dass eine Wanderung so anstrengend sein kann, wie sie will… die Aussicht vom Gipfel entschädigt immer. Aber den Abstieg finde ich manchmal schlimmer als den Aufstieg.
    Liebe Grüße,
    Melissa

    Antworten
  • Katharina

    geschrieben am 9. Oktober 2018

    Hey Lou,

    ein wirklich toller, ehrlicher Beitrag! Wenn du mal Lust hat von Bad Harzburg auf den Brocken zu wandern, dann meld dich 😉 Das ist doch entspannter und bietet eine tolle Natur vor dee Haustür 🙂
    Liebe Grüße

    Antworten
  • Jule

    geschrieben am 11. November 2018

    Ah Mensch, was für ein Abenteuer! Die Fotos sind auch toll. Die Ecke kommt definitiv auf die Wanderliste!

    Antworten

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