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Der Rechtsextremismus.

2005. Ich sitze mit meinen Mitschülerinnen und Mitschülern im Fernsehraum. Mein Lehrer erzählt etwas, aber bei mir kommt nichts an. Schon die vierte Dokumentation über den Nationalsozialismus. Ich weiß doch jetzt Bescheid. Er wird nicht wiederkommen. Das wäre ja absurd. Für meine Prüfung lerne ich Begriffsdefinitionen auswendig. Ich merke mir, dass ein Rechtsextremist eine Person ist, die die demokratische Grundordnung hier in Deutschland ablehnt und durch eine Art eigene Volksgemeinschaft ersetzen möchte in der es unter anderem keine Parteivielfalt oder Meinungsfreiheit mehr geben würde, aber auch der Rassismus – also die Ungleichwertigkeit und Ablehnung von bestimmten „Menschenrassen“ – eine tragende Rolle spielt.

Ich merke mir, dass der Antisemitismus eine besondere Form des Rassismus ist und gezielt auf den Hass aller Juden abzielt. Ich schreibe mir auf meinen Lernzettel, dass der Holocaust der nationalsozialistische Völkermord an knapp 6 Millionen Juden war. Und ich schreibe mir auf, dass ein Neonazi eine Person ist, die heutzutage immer noch an dem Gedankengut Hitlers festhält, Juden und Ausländer hasst und sein politisches Zuhause die NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) ist.

Der Mann, der gezielt Juden töten will

Heute, vierzehn Jahre später, sitze ich im Zug und denke an meine Schulzeit zurück. Heute. Am 10. Oktober 2019. Einen Tag nachdem in Halle ein Deutscher gezielt eine Synagoge attackiert. Am wichtigsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur. Aus Judenhass. Der Mann scheint gezielt Juden töten zu wollen. Versucht schwer bewaffnet in die Synagoge einzudringen – ohne Erfolg. Zwei Menschen sterben bei dem Attentat – einer Gewalttat, die auf die Tötung einer Person oder Gruppe abzielt.

In einer Hassrede leugnet der Täter den Holocaust. Nimmt sich dabei auf. Setzt den Helm mit der Kamera auf und fährt los. Sein Anspruch: ein Livestream im Internet, während er tötet. Während ich diese Zeilen schreibe, fange ich gleichzeitig an mich selbst zu rügen. Ja, ich hatte das Thema schon immer ernst genommen. Aber nicht so ernst. Nicht so, dass ich glauben würde, nochmal über alle Zusammenhänge und Lernzettel nachdenken zu müssen. NSU. Walter Lübcke. Mir war klar, dass da etwas brodelt. Hass ist oft ein Vorbote für tatsächliche Gewalt. Und Hass wird in den Sozialen Medien immer öfter ganz gezielt verbreitet, so dass eine Spaltung in unserer Gesellschaft stattfindet.

Wer ist Schuld am Rechtsruck?

Leider habe ich erst heute am 10. Oktober 2019 verstanden, dass das kein Alarmzeichen ist. Heute habe ich verstanden, dass das was unsere Gesellschaft und ihren Zusammenhalt ausmacht, bereits am Kippen ist. Ich kann damit anfangen Schuldige für den deutlichen Rechtsruck zu suchen. Der Politik die Schuld geben. Den Finger auf die Regierung zeigen, die nicht nur schnell ein Klimapaket verabschieden sollte. Sie sollte auch ganz dringend ein Gesellschaftspaket mit Maßnahmen verabschieden, die nicht erst umgesetzt werden, nachdem es Tote gegeben hat. Maßnahmen, die dazu beitragen, dass gesellschaftliche Klima in Deutschland nicht noch heißer wird. Die Politik hat geschlafen. Hat sich seit dem 11. September zu sehr auf islamistischen Terror konzentriert.

Und wir? Also, ich? Habe ich auch geschlafen? Kann man der Gesellschaft die Schuld daran geben, dass wir antisemitischen Terror – ob bewusst oder unbewusst – hinter uns gelassen haben? Haben wir aus der Geschichte nicht gelernt? Hätten wir Parolen wie „Wir werden sie jagen“ aus politischen Kreisen ernster nehmen müssen? Während ich die Zeilen schreibe fällt mir auf, dass ich das „ich“ bereits nach zwei Sätzen mit einem „wir“ ausgetauscht habe. Mir fällt es schwer darauf eine Antwort zu finden. Mindestens genauso schwer, wie die Tatsache zu akzeptieren, dass der Rechtsextremismus in Deutschland wieder zunimmt bzw. immer da war.

Christen, Juden, Moslems – egal welche Religion in unseren Köpfen steckt. Wir sind Menschen. Besitzen alle zwei Hände, eine Nase und haben einen Mund zum sprechen. Wir können uns gegenseitig unterstützen, uns zum Lachen bringen, diskutieren, gemeinsam tanzen oder uns einfach nur anschweigen. Bei all dem spielt es keine Rolle woher wir kommen oder an welchen Gott wir glauben. Und diese Gedanken nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen mitzutragen, ist wohl in diesen schwierigen Stunden Deutscher Geschichte das Menschlichste, das man machen kann.

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8 Kommentare

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    Julia
    10. Oktober 2019 at 21:09

    Vielen Dank für solche tiefgründigen, persönlichen Texte. Danke auch fürs Augen öffnen. Mach genau so weiter, du hast mich (und bestimmt auch ganz viele andere) dazu gebracht, mich noch mehr mit dem Klima, mit der Politik und meinen Mitmenschen auseinanderzusetzen. Du bist ein grosses Vorbild für mich!

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    Bibi
    10. Oktober 2019 at 21:15

    Hi Lou! Danke für den tollen Text! Und mir ist wieder klar geworden, dass ich noch nie verstanden habe, warum Menschen aus anderen Nationalitäten oder Religionen gehasst werden. Wir sind alle Menschen! Allein das Wort „Rasse“ finde ich so absurd und furchtbar. Ich kann es nicht verstehen und da frage ich mich auch immer, warum wir die intelligenteste Spezies sein sollen?! Wir maßen uns an über Menschen aller Herkunft zu urteilen und zerstören den Planeten auf dem wir leben.
    Liebe Grüße!

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    Victoria
    10. Oktober 2019 at 21:22

    Hallo Luisa, ich folge dir erst seit paar Tagen auf Instagram und bin so auf deinen Block gestoßen, ich finde es bemerkenswert das du dich bei diesem Thema was die letzten Tage für Aufruhr gesorgt hat nicht unterkriegen lässt, und jetzt noch dieser Beitrag du sprichst einem aus der Seele, mach weiter so
    Victoria

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    Corinna
    10. Oktober 2019 at 22:32

    On Point. Danke für die immer wiederkehrenden Denkanstöße 🙌🏻☺️

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    Sarah
    11. Oktober 2019 at 0:16

    Liebe Louisa,
    Danke für deine Gedanken. Du bist so eine inspirierende Person. Durch dich bin ich auf so vieles Aufmerksam geworden. Du kannst noch einiges durch deine Arbeit bewirken. Hör bitte nicht damit auf und bleib weiter so authentisch. Alles liebe

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    Katharina
    11. Oktober 2019 at 1:40

    Ich bin momentan im weit entfernten Ausland und sehr erschüttert über die Nachrichten. Ich habe damals in Halle studiert und es zerbricht mir das Herz, diese wundervolle Stadt in diesem schrecklichen Ausnahmezustand zu sehen. Man fühlt sich einfach so hilflos. Was selbstverständlich nichts gegen die Hilflosigkeit der Angehörigen der Opfer ist. In Gedanken in Halle.

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    Jessica
    11. Oktober 2019 at 8:41

    Hallo liebe Lou,
    ich folge dir schon lange, allerdings bisher ohne mich selbst einzubringen. Dein Beitrag hat mich berührt und zugleich zum Nachdenken angeregt. Wie du so schön schreibst, wir sind alle nur „Menschen“. Und Religion ist auch „nur in unseren Köpfen“ und nichts wirklich greifbares, sondern im Endeffekt nur eine persönliche Entscheidung und spiegelt so auch unsere Einstellung sowie unsere Meinung wider. Dies folgt zwangsläufig zu Diskussionen, aber ist in meinen Augen eine Meinungsverschiedenheit, wie jede andere auch. Eben eine persönliche Entscheidung oder ein Glaube, der nebeneinander existieren kann. Dieser Glaube sollte meiner Meinung nach kein Grund sein sich zu bekriegen oder ähnliches.
    Danke für deinen Beitrag und für die Aufklärung, die du auch für andere Themen, wie Politik und Klima leistest! Denn damit trägst wirklich dazu bei unsere Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen!
    Jessica

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    Aylin
    15. November 2019 at 7:49

    Liebe Lou,

    Du sprichst mir aus der Seele. Sehr sehr gut geschrieben & sehr inspirierend. Endlich ein Influencer, der sinnvollen Content bietet.
    Mach bitte weiter so.

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