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Jeden Tag laufen hunderte Gedanken in meinem Kopf ab. Entscheidungen, Zweifel, Möglichkeiten und Visionen. Ein Gedanke hat mich ganz besonders oft begleitet. Was ziehe ich heute an? Passt das Oberteil mit der Hose zusammen? Oder doch lieber das andere Top? In meinem Kleiderschrank taten sich bisher tiefe Abgründe auf. Oberteile, die ich als verloren gegangen deklarierte, tauchten auf einmal wieder auf. Das eine Hosenmodell in mehreren  verschiedenen Farben rief danach getragen zu werden. Und Shirts mit Preisschild schafften es bis heute nicht, meine Haut zu berühren. Ich hatte oft das Gefühl, dass mich mein Kleiderschrank erdrückt und ich die Zeit sinnvoller nutzen könne. Mir war das alles zu viel. Was Minimalismus damit zu tun hat und wie Minimalismus mir dabei hilft mich leichter zu fühlen und ich gleichzeitig nachhaltiger lebe, möchte ich euch in den folgenden Zeilen verraten.

Im Jahr 2014 wurden das erste Mal über 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Bis 2030 soll sich die Produktion weltweit nochmal um 60 % erhöhen. Wir Deutschen kaufen pro Jahr im Durchschnitt 60 neue Kleidungsstücke. Davon tragen wir 40 % selten oder nie. Weltweit landet der Großteil unserer nicht getragenen Kleidung nicht in der Altkleidersammlung, sondern auf dem Müll. Und nicht nur wir als Verbraucher, sondern auch die Textilindustrie selbst lässt zu, dass große Mengen der produzierten Kleidung wieder auf dem Müll landen. 2017 wurde der Fast Fashion Riese H&M dabei erwischt, wie er unverkäufliche Ware verbrannte. Und dieses Verhalten legt nicht nur H&M an den Tag. Alle großen Marken (egal, ob Textildiscounter oder Edelmarke) vernichten ihre Ladenhüter.

Warum ist das für einen minimalistischen Kleiderschrank wichtig zu wissen? Weil man damit nicht nur seine Gedanken befreit, sondern gleichzeitig auch ein Zeichen gegen unseren Konsumwahn setzt. 60 neue Kleidungsstücke im Jahr. Ein Luxus von dem in armen Ländern die Menschen nur träumen können. Ich persönlich entschied mich also vor einigen Wochen meinen Kleiderschrank radikal auszusortieren. Kleidungsstücke, die ich schon über ein Jahr nicht mehr anhatte, flogen sofort in einen großen Umzugskarton. Dann sortierte ich weiter. Fünf weiße T-Shirts von unterschiedlichen Marken. Brauche ich wirklich fünf weiße T-Shirts? Nein! Der nächste Haufen im Umzugskarton. Nach zwei Stunden befanden sich in zwei Umzugskartons 34 Pullover, 26 T-Shirts 12 Hosen, 21 Tops und 6 Kleider, die ich aussortiert hatte. 99 Kleidungsstücke, die nicht von mir getragen wurden. 43 Kleidungsstücke befinden sich aktuell immer noch in meinem Kleiderschrank. Was für Zahlen, oder?

Foto: Cora Neumüller

Kein Wunder, dass mich der morgendliche Blick in meinen Kleiderschrank stresste. Im Internet hatte ich dann auf der Homepage des Deutschen Roten Kreuzes recherchiert, wo ich in meiner Nähe eine Einrichtung auffinden kann, die mit meinen gefüllten Umzugskartons etwas anfangen kann. Denn Kleidung einfach in den Mülleimer werfen – damit ist wohl niemandem geholfen.

Ich war mit meinem Projekt „Kleiderschrank“ nach der Entsorgung meiner alten und nicht mehr getragenen Kleidung aber noch nicht am Ende angelangt. Im Gegenteil. Ich wollte nicht mehr einfach so konsumieren. Ich wollte damit beginnen mit Verantwortung zu konsumieren. Also zum Beispiel Second Hand einkaufen, Kleidung mit Freunden tauschen oder eben darauf zu achten, wo die Kleidung herkommt und wie sie produziert wurde. Fast Fashion wollte ich also so gut es geht vermeiden. Der Begriff Fast Fashion bezeichnet übrigens eine Unternehmensstrategie, deren Ziel es ist, in hoher Stückzahl und Frequenz neue Mode in die Geschäfte zu bringen. Bei Billiglabels erscheinen mittlerweile schon bis zu 12 Kollektionen im Jahr. Motivation dieser Unternehmen ist es, vor allem jungen Konsumenten häufiger in die Läden zu ziehen.

Gar nicht so einfach auf alles zu achten, wenn man nachhaltiger leben und handeln möchte. Nicht mehr bei H&M und Co. zu kaufen bedeutet, dass ich Alternativen benötige und tiefer in mein Portmonaie greifen muss. Bei einem Unternehmen seinen Pullover zu kaufen, welches sich für gute Arbeitsbedingungen einsetzt und eine transparente Produktions- und Lieferkette vorweisen kann, kostet der Pullover mehr Geld, weil hier nicht so billig wie möglich produziert werden soll, sondern so fair wie möglich. Spätestens nach der Netflix- Dokumentation „True Cost“ bin ich gewillt, dieses Geld auszugeben, wenn ich ein neues Kleidungsstück benötige. Außerdem ist die Qualität von Fair Fashion Mode weitaus besser als die Qualität von einem T-Shirt der Marke Primark. Habt ihr euch auch schonmal dabei ertappt, dass ihr ein billiges Oberteil gekauft und dabei gedacht habt, dass es nicht schlimm ist, wenn es schnell kaputt geht? Hat ja nur drei Euro gekostet. Ist ja schnell nochmal gekauft. Drei Euro in denen Material, Produktion, Lieferkosten und eine Marge für das Unternehmen mit eingerechnet sind. Fair geht anders.

Woher kommt die Mode, die es in wenigen Wochen vom Laufsteg in den Laden schafft, vom Prototypen zum Massenartikel? Wo wird sie produziert, unter welchen Bedingungen und von wem? Wenn wir uns ab und an diese Fragen stellen, während wir shoppen gehen, sind wir schon einen Schritt weiter Richtung einem nachhaltigerem Leben gegangen.

Und meine Schritte Richtung mehr Nachhaltigkeit? Bisher funktioniert der Minimalismus in meinem Kleiderschrank super. Keine wöchentlich neuen Kleidungsstücke mehr. Mehr Bewusstsein für faire Mode und humane Arbeitsbedingungen. Aber auch Bereiche, in denen es bei mir noch nicht so gut klappt. Sportkleidung – insbesondere im Laufbereich – ist im Fair Fashion Bereich meiner Meinung nach gar nicht so einfach zu finden. „Wenn die Hälfte von uns, die Hälfte ihres Konsumverhaltens ändern würde, wären wir schon doppelt so weit“. Mit diesem Zitat von Ariane Piper möchte ich euch und euren Kleiderschrank zurücklassen und mich für heute verabschieden.

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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Carolin von Bonjour Ben

    geschrieben am 6. November 2018

    Hallo liebe Louisa,

    Toll, dass Du über das Thema schreibst. Ich war gerade letzte Woche bei dir am Laden, der geschlossen hatte (nicht schlimm, haette die Zeiten besser recherchieren können und habe dann mehr Zeit für den Besuch meiner Familie gehabt), um Dir von unserem Label zu erzählen und Dir natürlich auch etwas zu schenken.
    Wir machen fair fashion und zusätzlich ist uns der Inklusiinsgedanke sehr wichtig, so dass wir Produkte für Kinder und Erwachsene und in vielen Größen anbieten. Uns ist Nachhaltigkeit super wichtig und die Message, für die wir stehen.
    Vielleicht ist es ja etwas für Dich, dann schenke ich Dir gern was.
    Alles liebe, Deine Carolin von Bonjour Ben #tresconscious #egalite #tresfair

    Bei Instagram sind wir bonjour_ben_

    Antworten
  • Caroletta

    geschrieben am 8. November 2018

    Wahre Worte!
    Ich habe ebenfalls vor einigen Wochen meinen Kleiderschrank aussortiert und auch mein Mann hat sich von ganz vielen ungetragenen Klamotten getrennt. Das ist wirklich befreiend und auf einmal ist da soviel Platz! 🙂 Wir haben unsere Sachen an die Deutsche Kleiderstiftung geschickt. Die sammeln, sortieren und verteilen die Kleidung und unterstützen soziale Projekte im In-und Ausland. Der Versand ist kostenlos. Das ist vielleicht ganz interessant für Leute, die ansonsten nur Altkleidercontainer dubioser Anbieter in ihrer Nähe haben. 😉
    Liebe Grüße, C.

    Antworten
  • Jenny

    geschrieben am 11. November 2018

    Liebe Lou, dein Artikel regt wie immer zum Nachdenken an. Möchtest du vll mal einen Artikel zu Shops schreiben, die fair produzieren?
    Liebe Grüße,
    Jenny

    Antworten
  • Lia

    geschrieben am 12. November 2018

    Vielen Dank für deinen Beitrag zu diesem Thema. Cool das du es nur auf 43 geschafft hast. Ich habe meinen Kleiderschrank auch aussortiert und Teile erst einmal zum Verkauf bei Kleiderkreisel eingesetzt. Wenn sich die Teile nicht bis Ostern verkaufen lässt ,sagte ich mir Spende ich den Rest eben. Doch auf 43 Teile bin ich noch lange nicht . Über „das Schrank -Projekt „und den Beitrag von „lauramitulla“ versuche ich meinen Kleiderschrank jedoch zu optimieren. Farben die untereinander passen und somit schon mal nur bestimmte Farben es werden und nicht viele verschiedene sondern nur ausgewählte. ( 1x Grundfarbe , 1x neutrale hellere Farbe, 2 ergänzende neutrale Farbe, 2x Akzentfarbe ) so kommt man maximal auf 6 Farben wovon 2 Akzentfarben sind um ein wenig Farbe zu zeigen.

    Antworten

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