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Hilfe, bin ich rechts?!

Man kommt aktuell nicht an dem Thema vorbei. Es beschäftigt nicht nur die Politik und Medien. Es kommt auch in unserer Gesellschaft an. Das ist wichtig und macht einem gleichzeitig Angst. Die Rede ist von dem rechten Rand unserer Gesellschaft. Nein, viel mehr einem extremen rechten Rand. Ein extremer rechter Rand der die Ansicht verfolgt, dass nicht alle Menschen auf der Welt bzw. hier in Deutschland gleichzustellen seien. Ein extremer rechter Rand, welcher Intoleranz gegenüber Menschen anderer Herkunft – meist gegenüber bestimmten Religionen besitzt. Ein extremer rechter Rand, welcher ideologischen Grundlagen unterliegt, die eine Art Gegengesellschaft darstellen. Dieser extreme rechte Rand spiegelt sich nicht nur teilweise in unserer Gesellschaft wieder, sondern hat auch einen Platz in der Politik gefunden und wurde 2017 in den Bundestag gewählt.

Ich persönlich distanziere mich ganz klar von dieser Gegengesellschaft. Für mich bleibt ein Mensch auch derselbe Mensch, wenn er ein Kopftuch trägt bzw. einer anderen Religion angehört. Schließlich haben wir alle dieselben Grundbedürfnisse. Wir haben Hunger. Wir haben Durst. Wir möchten einen geschützten Schlafplatz haben. Wir möchten das bestmögliche aus unserem Leben herausholen. Trotzdem hatte ich in den letzten Tagen ein schlechtes Gewissen, während ich nachgedacht habe. Nach Büchern, Dokumentationen und Zeitungsberichten über die AfD und die Neuen Rechten, hatte ich immer mehr Angst auch „so zu sein“.

Wenn wir über Flüchtlinge sprechen

Es ist ein emotionales und heikles Thema, wenn wir über Flüchtlinge sprechen. Menschen flüchten aus ihren Ländern, weil vor Ort Krieg herrscht und sie um ihr Leben bangen müssen. Was würde ich machen, wenn ich in Deutschland um mein Leben bangen müsste? Ich würde fliehen. Ich verstehe also, dass Menschen Sicherheit suchen und sie brauchen, um zu überleben. Ich kenne auch unsere deutsche Vorgeschichte. Damit meine ich den Nationalsozialismus. Ich finde, wir dürfen dieses wirklich dunkle Kapitel Deutschlands niemals vergessen, herunterspielen und schon gar nicht leugnen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass genau diese Vorgeschichte uns immer wieder einholt, sensibilisiert und dazu führen könnte, dass in unseren aktuellen gesellschaftlichen Werten bald ein Umbruch stattfinden könnte. Ein rechter Umbruch.

Spreche ich darüber, dass ich es gut heißen würde, dass Zuwanderer (egal welcher Herkunft) innerhalb von zwei Jahren die deutsche Sprache lernen sollten, bin ich rechts. Spreche ich darüber, dass Zuwanderer kein Recht haben in Deutschland zu bleiben, wenn sie eine kriminelle Laufbahn einschlagen, bin ich rechts. Sage ich, dass ich stolz darauf bin in Deutschland zu leben, bin ich rechts. Habe ich eine Deutschlandflagge in meinem Garten hängen, bin ich rechts.

Teil der Gegengesellschaft

Aber bin ich das wirklich? Bin ich wirklich Teil der Gegengesellschaft, nur weil ich über das Thema Flüchtlinge bzw. Zuwanderer spreche? Weil ich es gut finde, wenn Menschen, die in ein anderes Land kommen sich integrieren sollten? Bin ich ein Teil der Gegengesellschaft, weil ich finde, dass es klare Regeln geben muss? Für Zuwanderer, aber auch für deutsche Bürgerinnen und Bürger? Ich glaube, dass wir verlernt haben ehrlich miteinander zu sprechen. Ich glaube, dass unsere Vergangenheit unsere Politik und Gesellschaft dazu gebracht hat vorsichtiger zu sein. Mit weniger Selbstbewusstsein zu handeln. Die Sorgen und Ängste unserer Gesellschaft werden immer mehr von der falschen Partei gehört. Zu lange hat die Politik nicht gesprochen. Den Bürgerinnen und Bürgern nicht zugehört. Jetzt tut sie es, aber versteht sie auch, was sich ändern muss, damit kein gesellschaftlicher Umruch Richtung rechtes Ufer stattfindet?

Wir müssen Fakten, Geschehnisse und Situationen beim Namen nennen. Offen darüber sprechen. Immer im Hinterkopf, dass wir als Deutschland eine Vorgeschichte haben. Aber wir haben auch eine Zukunft. Und diese Zukunft darf nicht von unserer Vergangenheit getragen werden. Man sollte sich nicht unwohl fühlen müssen, nur weil man Sorge über eine nächste Zuwanderungswelle hat. Man sollte sich nicht unwohl fühlen müssen, weil man die deutsche Nationalhymne singt. Was man haben sollte ist Respekt. Und zwar jeden Tag. In jedem Denken und Handeln. Und man muss wieder miteinander sprechen. Die Politik muss sprechen. Mutiger. Selbstbewusster. Und trotzdem noch mit einer großen Portion Menschlichkeit. Die besitzen wir – da bin ich mir sicher.

Meine Gedanken und ich sind uns letztendlich einig. Ich bin nicht politisch rechts. Aber ich möchte, dass die Politikerinnen und Politiker aufwachen. Ich möchte das Gefühl haben, dass es okay ist über all meine Sorgen und Ängste zu sprechen, ohne, dass ich gleich in eine politische Ecke gesteckt werde. Vielen Menschen ist das politische Rechts oder das politische Links egal. Sie möchten einfach nur gehört werden. In ihrer eigenen Sprache und ohne darüber nachdenken zu müssen, ob das Gesagte vereinbar mit der deutschen Vergangenheit ist. Den nötigen Respekt und die dazugehörige Menschlichkeit tragen wir in uns. Und nicht nur die Politik ist dafür Verantwortlich. Wir medienschaffende sind es auch.

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3 Kommentare

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    Ronja
    20. Oktober 2019 at 19:42

    Ich sehe es teilweise anders. Ich finde diesbezüglich ist unsere Vergangenheit völlig unrelevant. Ich bin der Meinung, dass egal welche Vergangenheit ein Land hat, hat ein Land Menschlichkeit zu zeigen. Vorallem sollte jeder Mensch als ein Individuum angesehen werden und nicht als ein Teil einer Masse.
    Wenn unsere Vergangenheit relevant wäre, so wäre es für andere Länder ja eine Art Freispruch Menschlichkeit zu zeigen.

    Ich heiße auch nicht alles in der Flüchtlingspolitik gut. Vorallem dass vielen verboten wird zu arbeiten. Ich heiße es auch nicht gut, wenn jemand nach drei Jahren in Deutschland mit mir sich nicht einigermaßen verständlich auf deutsch unterhalten kann. Ich finde es nicht gut, wenn jemand mir auf Arbeit sagt:“ du bist Frau, du jetzt arbeiten für mich“. Aber nur weil einige mir unsympathisch sind, so heißt es nicht, dass alle/ oder ein Großteil der geflüchteten Menschen sich nicht integrieren wollen.

    ** in diesem Punkt finde ich die Vergangenheit von Deutschland nebensächlich. Aber grundsätzlich bin ich auch der Meinung, dass diese schlimme Zeit niemals in Vergessenheit geraten darf. Nur darf es meiner Meinung nicht als „Hauptgrund“ dienen Menschlichkeit zu zeigen! Ich glaube deswegen blocken auch viele ab. Unsere Generation kann nunmal nichts dafür! Auch kann man das eine nicht wieder mit dem anderen gut machen! Aber wir können jetzt eine offene Gesellschaft sein! Und das sollte doch Anreiz genug sein (:

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    Lena
    20. Oktober 2019 at 22:17

    Super Text, finde es sehr wichtig!

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    Claudia Grimm
    20. Oktober 2019 at 22:57

    Liebe Lou,

    vielen vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde es so wichtig, dass darüber geredet wird. Da meine Familie und ich selber Flüchtlinge waren (ja ein wenig her, 1990) weiß ich wie es sich anfühlt nicht willkommen zu sein. Uns wurden so viele Steine in den Weg gelegt und meine komplette jungend damit verbracht Unterschriften zu sammeln, damit ich hier bleiben darf, damit ich mir eine Zukunft aufbauen darf. Mittlerweile bin ich 38, hab ein abgeschlossenes Studium, leider eine unheilbare Erkrankung, doch unterkriegen werde ich mich nie lassen. Traurig darüber bin ich trotzdem darüber wenn ich sehe und erlebe wie schwer ein „Miteinander“ in unserer Gesellschaft geworden ist. Warum frage ich mich? Denn nur weil man eine andere Hautfarbe hat, oder andere Herkunft heißt es noch lange nicht, dass man automatisch ein schlechter Mensch ist. Deshalb danke dir liebe Lou, dass du darüber schreibst und darauf aufmerksam machst.

    Liebe Grüße,
    Claudia

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